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Frag eine junge Landärztin: „Die unglaubliche Bandbreite an Aufgaben fasziniert mich einfach“

von Johannes Fleischhut am 23.03.2021 in Allgemein

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Frag eine junge Landärztin: Habt Ihr Euch schon mal gefragt, wie es eigentlich so zugeht bei einer jungen Landärztin, die erst vor einiger Zeit eine Praxis übernommen hat? Wir schon! Umso mehr haben wir uns gefreut, als sich bei uns vor einiger Zeit eine Gynäkologin aus Nordhessen meldete, die tatsächlich erst vor einigen Jahren ihre Praxis übernommen hat. Mit Fragen von Euch aus den sozialen Medien bepackt haben wir ein sehr unterhaltsames Gespräch geführt.

Frag eine junge Landärztin: Wie es dazu kam

Nele (Name geändert) kommt ursprünglich aus einer Großstadt in Süddeutschland und studierte Medizin in Göttingen. Dort hat sie auch ihren späteren Ehemann kennengelernt, der ursprünglich aus Norddeutschland stammt. Doch wie kommt man da dazu, ausgerechnet das ländliche Nordhessen als neuen Lebensmittelpunkt zu wählen? Hier spielen sicherlich diverse Faktoren eine Rolle: Zum einen ist Nordhessen natürlich nicht so weit weg von Göttingen. Die Chancen standen also gut, wenn man sich in Göttingen wohlfühlte, dass das hier auch ganz gut funktionieren könnte. Zum anderen liegt Nordhessen in der Mitte Deutschlands und somit genau auf der Hälfte zwischen beiden Familien. Drittens – und das war sicherlich der ausschlaggebende Grund – hatte Neles Mann in der nahegelegenen Stadt Arbeit gefunden und man überlegte, wie es nun weitergehen könnte.

Als Nele eines Tages im Café saß und über Ihre Weiterbildungsmöglichkeiten nachdachte, googlete sie einfach mal nach „Frauenarzt Kassel“. Sie stieß auf einen Eintrag, der Ihr Interesse weckte, allerdings nicht in Kassel sondern auf dem platten Land. Einen Anruf später, geradezu beflügelt und vielleicht auch etwas naiv, hatte sie den Job im Prinzip schon in der Tasche. Der Arzt hatte ihr mehr oder weniger vermittelt, dass sie sofort anfangen könne, ohne sie wirklich zu kennen. Dass er natürlich darauf abzielte, sie nicht nur zur Weiterbildung anzustellen, sondern vielmehr eine Nachfolgerin suchte, war ihr zu dem Zeitpunkt noch gar nicht so klar. Das war 2013.

Für Nele war die Niederlassung von Anfang an alternativlos, um einen für sie idealen Verbund von Beruf und Familie zu ermöglichen. Gleichzeitig erzählt sie uns, dass für sie die Vorstellung, als niedergelassene Ärztin tätig zu sein, besonders am Anfang noch recht merkwürdig war. Klar, vorher hat man vor allem den Alltag am Uniklinikum kennengelernt, da fällt es sicher nicht leicht, so radikal umzudenken.

Schnell hatte sich aber das neue Berufsleben gut eingestellt und Nele fand bald Gefallen am neuen Leben. Sie erzählt, dass es für sie sehr wertvoll sei, alle zu kennen, mit den Kollegen vernetzt zu sein und in einem bekannten Umfeld zu sein. Es vergingen die ersten Jahre der Weiterbildung und 2017 war es schließlich soweit: Sie übernahm die Praxis in Einzelzulassung. Der Übergang war fließend, schon seit 2016 übernahm sie mehr und mehr die Führung. Für den Vorgänger war klar, dass er aufhören wollte. Für Nele hat es längere Zeit gebraucht, sich an den Gedanken der Selbstständigkeit zu gewöhnen, gleichzeitig erfuhr sie es als Befreiungsschlag, nun endlich alles allein entscheiden zu können.

Familie und Beruf

Neben dem Beruf wächst auch die Familie. Kaum in Einzelzulassung, bekam Nele nochmal ein Kind, insgesamt sind es heute vier. Sie erinnert sich, dass alles mit perfekter Organisation gut geklappt hat, natürlich auch etwas anstrengend war. Der Vater war damals 15 Monate in Elternzeit, sie selbst hat nur wenige Wochen Urlaub genommen, anschließend zunächst mit wenigen Stunden pro Tag wieder angefangen und das Kind in der Regel mit in die Praxis genommen.

„Alles ist möglich, Du musst es nur wollen.“

Ein großer Vorteil am Landleben sind die geringen Lebenshaltungskosten, berichtet Nele uns. Das Personal ist günstiger einzustellen, die privaten Kosten sind niedriger, Grundstücke und Häuser kosten einen Bruchteil dessen, was man in der Stadt hinlegen müsste. Genauso waren die Ablösesummen für den KV-Sitz und die Praxis erheblich niedriger. All das ermöglicht es ihr, mit ihrer Praxis “gutes Geld” zu verdienen und dabei Spaß zu haben.

Weiterbildung und Personal in der Praxis

Wie Nele es selbst einst vorgemacht hat, würde sie sehr gern auch Nachwuchsmediziner anstellen und ausbilden. Eine entsprechende Zulassung dafür hat sie. Allerdings melden sich bei Ihr praktisch keine InteressentInnen, möglicherweise auch, weil die Information gar nicht weit genug reicht.

 Übrigens...

Hier der dezente Hinweis an Euch: Wem die Geschichte gefällt und wer Lust darauf bekommt – wir stellen gern auf Anfrage den Kontakt her!

Das „Drum herum“

Klar, in Einzelniederlassung kann man alles selbst entscheiden – gleichzeitig muss man sich auch um alles kümmern. Dafür muss man der Typ sein, nicht jeder hat da Lust drauf. Insofern sollte für die Niederlassung generell ein gewisses Interesse daran bestehen, Dinge zu entscheiden und eben ein kleines Unternehmen zu führen. Das ist bei einer Arztpraxis nicht anders als bei einem Handwerkerbetrieb.

Zum Beispiel geht es darum, gutes Personal zu finden und zu binden. Nele hat eine Hebamme eingestellt und damit tolle Erfahrungen gemacht. So wissen alle voneinander, die Hebamme kann die Ärztin im Zweifel hinzuziehen, andersherum genauso und die Patientinnen müssen sich nicht anderweitig um eine eigene Hebamme kümmern. Quasi eine „Win-win-win-Situation“. Die Devise lautet, hier ein bisschen kreativ zu werden. Alles ist erlaubt, wenn es dem Zweck dient! Genauso wäre es in anderen Disziplinen denkbar, für einzelne Tage andere FachärztInnen mit ins Haus zu holen. Dadurch gewinnt die Praxis für PatientInnen an Relevanz und der fachliche Austausch wird gefördert.

Frag eine junge Landärztin: Eure Fragen

Neben unserem Gespräch hatten wir, wie schon erzählt, Fragen von Euch mit ins Gespräch gebracht. Vielen Dank an alle, die unserem Aufruf in den sozialen Medien gefolgt sind und uns Fragen geschickt haben! Frag eine junge Landärztin: Wir haben die Fragen und Neles Antworten hier zusammengestellt.

Landarzt sein: Was ist für Dich das Coolste daran, selbstständig zu sein?

Nele: Ich kann mir meinen Arbeitsplatz so gestalten, wie ich ihn für optimal empfinde.

Landarzt sein: War Landärztin zu sein schon immer Dein Traum?

Nele: Nein! Ich bin in einer Großstadt aufgewachsen. Aber als wir eine Familie gegründet haben, empfanden wir das ländliche Leben als viel angenehmer.

Landarzt sein: Wie ist es so, alleinverantwortlich zu sein und wenn man niemanden hat, den man fragen kann?

Nele: Da ich das letzte Facharztjahr in der abgebenden Praxis gearbeitet habe, bin ich schonend herangeführt worden. Solange es nicht lebensbedrohlich erscheint, ist es völlig in Ordnung, kurz nachzulesen! Das A und O ist ein gutes, ehrliches Netzwerk und verschiedene “Telefonjoker”. Ich kann mich darauf verlassen, dass ich im Zweifel meine KollegInnen aus dem Umkreis jederzeit und unkompliziert anrufen kann.

Landarzt sein: Woher weiß man, wie man eine Praxis eröffnet?

Nele: Wenn man den Wunsch hat, eigenverantwortlich zu arbeiten, muss man sich um einen KV-Sitz bemühen. Ansonsten: In anderen Praxen hospitieren, Netzwerken, mit Versicherungsmaklern sprechen, nachlesen.

Landarzt sein: Was ist eigentlich, wenn man krank ist?

Nele: Das ist in der Tat schlecht, wie bei jeder Selbständigkeit. Eine große Belastbarkeit ist definitiv von Vorteil. Für den Fall, dass man tatsächlich längere Zeit ausfällt, ist eine private Krankentagegeldversicherung unverzichtbar.

Landarzt sein: Was ist für Dich der Vorteil des Lands gegenüber der Stadt?

Nele: Weniger Straßenkrach und -gestank, ein entschleunigtes Leben, günstiger Wohnraum und günstige Lebenshaltungskosten.

Landarzt sein: Wie ist Dein Verhältnis zu Deinen Patienten? Gibt es Unterschiede zur Stadt?

Nele: Ich möchte meine Patienten ehrlich und empathisch betreuen. Das wäre in der Stadt genauso.

Landarzt sein: Was war für dich die größte Herausforderung am Anfang?

Nele: Die größte Herausforderung ist gleichzeitig auch das Spannendste: jeder Patient bringt eine komplett neue Geschichte mit und braucht eine individuelle Betreuung.

Wir wünschen Nele, ihrer Praxis und ihrer Familie für die Zukunft weiterhin alles Gute und bedanken uns ganz herzlich für das nette Gespräch!

Anmerkung: Der Name Nele wurde für diesen Blogbeitrag geändert. Wir kommen gern der Bitte nach, sie nicht mit ihrem echten Namen zu nennen, um zu verhindern, dass ihre Patientinnen bei einer Google Suche hier mehr als die für sie notwendigen Infos über Nele als Person herausfinden.

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